Fazit und Empfehlung Kognitive Interviews:
Der Vergleich der beiden Vignetten zeigt deutliche Unterschiede in der Art und Weise, wie die Befragten Schulmerkmale in ihre Urteilsbildung einbezogen. In Vignette 1 wurden die angelegten Merkmale insgesamt konsistenter und ausgewogener berücksichtigt; die Bewertungen orientierten sich vor allem an strukturellen und pädagogischen Aspekten wie Ausrichtung, Schulart, Klima und Übergangsquote. Die Befragten konnten die Informationen gut integrieren und priorisieren.
In Vignette 2 hingegen zeigte sich eine stärkere Fragmentierung der Urteilsbildung. Die größere Anzahl sowie die inhaltliche Inkonsistenz der Merkmale führten dazu, dass einzelne Aspekte, insbesondere Sprachkenntnisse und Übergangsquote, stärker isoliert betrachtet und häufiger als dominantes Entscheidungskriterium herangezogen wurden.
Während Vignette 1 überwiegend als leicht verständlich und gut nachvollziehbar wahrgenommen wurde, führte Vignette 2 bei vielen Testpersonen zu einer erhöhten kognitiven Belastung. Insbesondere unrealistische oder inkonsistente Merkmalskombinationen erschwerten das Hineinversetzen in das Szenario und führten teilweise dazu, dass Testpersonen versuchten, die Widersprüche gedanklich zu rationalisieren, um dennoch zu einer Antwort zu gelangen.
Insgesamt spricht der Vergleich dafür, dass klar strukturierte und in sich stimmige Vignetten (Vignette 1) eher eine integrierte und nachvollziehbarere Urteilsbildung ermöglichen als komplexe und inkonsistente Vignetten (Vignette 2).
Informationen zur Frage und Ziel der Testung (Kognitive Interviews):
Im Rahmen der kognitiven Interviews erhielten die Testpersonen zwei Vignetten, die verschiedene Grundschulen beschrieben. Bei beiden Vignetten sollten die Befragten angeben, wie zufrieden sie mit der dargestellten Schule für ihr Kind wären. Die Reihenfolge der beiden Vignetten wurde variiert, sodass eine Hälfte der Testpersonen zuerst Vignette 1 und die andere Hälfte zuerst Vignette 2 beantwortete.
Die Vignetten unterschieden sich zum einen in der Anzahl der Schulmerkmale (fünf vs. acht), zum anderen in der Ausprägung mancher der Merkmale:
Des Weiteren unterschieden sich die Vignetten in der Stimmigkeit der Merkmale zueinander. Während in Vignette 1 alle Merkmale aufeinander abgestimmt waren, passten in Vignette 2 die Ausprägungen der Merkmale Herkunft (65 % der Schüler haben einen Migrationshintergrund), Herkunftsregion (Schüler kommen vordergründig aus Syrien und Afghanistan) nicht zu dem Merkmal Sprache (Die Schuluntersuchungen haben ergeben, dass alle Kinder an der Schule für ihr Alter sehr gutes Deutsch sprechen).
Die Ziele der Testung bestanden darin, zu prüfen, welche der in den Vignetten genannten Merkmale die Befragten in die Bewertung der Schulen miteinbeziehen und welche hierbei das größte Gewicht haben. Darüber hinaus sollte untersucht werden, wie leicht oder schwer es den Testpersonen fällt, sich in die beschriebenen Szenarien hineinzuversetzen und ob sie sie als stimmig oder eher irritierend wahrnehmen.
Befund Kognitive Interviews:
Alle Testpersonen beantworteten Vignette 1; bei Vignette 2 trat ein Fall von Item-Nonresponse auf. Der Mittelwert der Zufriedenheitsurteile belief sich für Vignette 1 auf M = 7.9 (SD = 1.1), während für Vignette 2 ein etwas niedrigerer Mittelwert von M = 7.3 (SD = 1.9) beobachtet wurde. Wie Tabelle 44 zeigt, nutzten die Befragten bei Vignette 1 ausschließlich den oberen Bereich der Antwortskala, was auf eine insgesamt hohe Zufriedenheit mit dem dargestellten Schulprofil hinweist. Demgegenüber wurde bei Vignette 2 die gesamte Skalenbreite ausgeschöpft, und die Bewertungen fielen im Durchschnitt etwas niedriger aus.
Welche Merkmale beziehen die Befragten in die Bewertung der Schulen mit ein?
Vignette 1
Für Vignette 1 zeigte sich, dass alle in der Vignette angelegten Merkmale von den Befragten aufgegriffen wurden, jedoch in unterschiedlicher Häufigkeit. Am häufigsten wurden die Ausrichtung der Schule (n = 14) sowie das soziale Klima (n = 14) genannt. Ebenfalls häufig berücksichtigt wurden die Schulart (n = 11) und die Übergangsquote (n = 11), während die Herkunft der Schülerschaft etwas seltener thematisiert wurde (n = 9).
Darüber hinaus bezogen einige Testpersonen zusätzliche, nicht explizit in der Vignette enthaltene Aspekte in ihre Bewertung ein. Dazu zählten unter anderem das pädagogische Konzept der Schule, die Förderung sozialer Kompetenzen sowie der Kontakt zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen:
Die Mehrheit der Testpersonen (n = 18) gab an, mehr als ein Merkmal in ihre Bewertung einbezogen zu haben. Als wichtigstes Kriterium nannten diese Testpersonen am häufigsten die Übergangsquote (n = 5), gefolgt von der Schulart (n = 4) und Ausrichtung der Schule (n = 4).
Vignette 2
Für Vignette 2 zeigte sich ein differenzierteres Bild. Insgesamt wurden hier mehr einzelne Merkmale benannt, wobei die Übergangsquote (n = 13) und die Sprachkenntnisse der Schülerinnen und Schüler (n = 9) besonders häufig thematisiert wurden. Darüber hinaus spielten die Ausrichtung der Schule (n = 8), das soziale Klima (n = 6), die Herkunftsregion der Schülerschaft (n = 6), die Schulart (n = 4) sowie die allgemeine Herkunft (n = 4) eine Rolle. Die Zusammensetzung der Schülerschaft wurde vergleichsweise selten explizit genannt (n = 2).
Auch bei Vignette 2 ergänzte eine Testperson ihre Bewertung um einen zusätzlichen, nicht explizit genannten Aspekt, nämlich eine grundsätzlich negative Bewertung von Schulwechseln:
„Mein Kind würde in eine neue Umgebung reinkommen und müsste sich erst in der Eingewöhnungsphase einleben. Ist die Frage, ob er überhaupt je wieder Freunde wie in seiner alten Schule finden würde. Deshalb sage ich 6. Würde ich ungern machen.“ (TP10; Antwort Frage 12: 6)
Wie bei Vignette 1 berücksichtigte die Mehrheit der Testpersonen (n = 18) mehr als ein Merkmal. Als wichtigstes Kriterium wurden am häufigsten die Sprachkenntnisse genannt (n = 5), gefolgt von der Schulart (n = 3) und der Ausrichtung (n = 3).
Haben die Testpersonen Schwierigkeiten, sich in die Szenarien hineinzuversetzen?
Für Vignette 1 berichtete die große Mehrheit der Testpersonen (n = 20), dass es ihnen „sehr leicht“ oder „eher leicht“ gefallen sei, sich in die beschriebene Situation hineinzuversetzen. Die von den restlichen Befragten wahrgenommenen Schwierigkeiten bezogen sich weniger auf die Merkmale selbst sondern eher auf die mangelnde Kongruenz zur eigenen Lebenssituation oder darauf, dass für sie andere, in der Vignette nicht genannte Kriterien beeinflussten, wie zufrieden sie mit einer Schule wären.
Ein Großteil der Befragten (n = 19) empfand die Beschreibung in Vignette 1 als stimmig. Nur in wenigen Fällen gaben die Befragten an, die Beschreibung als irritierend empfunden zu haben. Sie bezogen sich vor allem auf einzelne Merkmalskombinationen oder -ausprägungen (z. B. Ausrichtung und Übergangsquote). Insgesamt traten jedoch keine gravierenden Verständnisschwierigkeiten auf.
Für Vignette 2 zeigte sich hingegen eine deutlich höhere wahrgenommene Schwierigkeit. Zwar bewertete noch eine Mehrheit das Hineinversetzen als „sehr leicht“ oder „eher leicht“ (n = 15), gleichzeitig gaben jedoch neun Testpersonen an, dass es ihnen „eher schwer“ oder „sehr schwer“ gefallen sei. Als Gründe wurden insbesondere der höhere kognitive Aufwand durch die größere Anzahl an Merkmalen sowie als unrealistisch oder irritierend empfundene Merkmalskombinationen genannt.
Rund zwei Drittel (n = 16) der Testpersonen berichteten Irritationen, die sich vor allem aus Inkonsistenzen zwischen Migrationshintergrund bzw. Herkunftsregion und den sehr guten Sprachkenntnissen der Kinder ergaben.